Große Erfindungen resultieren oft aus dem Alltäglichen, einer guten Beobachtungsgabe, Durchhaltevermögen und schließlich aus einem „Heureka"-Effekt.
So war es auch bei Heinrich Mauersberger, dem Erfinder der Nähwirktechnologie MALIMO. Der Pionier der Textiltechnik wäre am 11. Februar 100 Jahre alt geworden – Anlass für einen Festakt im sächsischen Ort Limbach-Oberfrohna und einen Rückblick an dieser Stelle.
Heinrich Mauersberger wurde 1909 in Neukirchen nahe der Tuchstadt Crimmitschau geboren. Er erlernte den Beruf eines Färbers, zog dann in den Krieg und arbeitete nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 in einer Handschuhfabrik bei Burgstädt. Gleichzeitig qualifizierte sich der findige Chemiker-Colorist im Strickhandwerk bis zum Meister-Level, um mit einer selbstgebauten Flachstrickmaschine und Materialresten eine Nebenerwerbsquelle zu schaffen.
1947 brachte Frau Mauersberger ihren Mann auf eine Idee. Beim Ausbessern eines Wäschestückes übernähte sie die schadhafte Stelle längs und quer mit der Nähmaschine – ein Verfahren, das sich mit der Geschwindigkeit einer Nähmaschine zur Fertigung textiler Flächengebilde nutzen lassen könnte. Zwei Jahre tüftelte und konstruierte Heinrich Mauersberger und erste einfache Modelle entstanden. Schließlich meldet er 1949 seine Erfindung zum Patent an: ein Verfahren zur Herstellung von Flächengebilden durch Übernähen von Faservliesen und Fadenscharen. Am 3. Februar 1949 erhielt er das Patent Nr. 8194 für ein „Verfahren zur Herstellung von Kettenstichware".
Der Name der Erfindung lautete MALIMO, zusammengesetzt aus Silben seines Namens und seines langjährigen Wohnortes Limbach-Oberfrohna.
Ungeachtet der Skepsis der Fachleute gegenüber seiner Entwicklung arbeitete Heinrich Mauersberger weiter an seiner Idee, und schon bald war die erste Maschine ausstellungsreif. „Auf der Leipziger Frühjahrsmesse1957 wurde erstmals eine Nähwirkmaschine MALIMO, Typ MALIWATT 2500 ausgestellt. Die Vorführung der Maschine und Beratung der Kunden übernahm der Erfinder selbst. Zu dieser Zeit, von 1953 bis 1965, war Heinrich Mauersberger als Konstrukteur im damaligen VEB Konstruktion und Entwicklung tätig. Der Betrieb konnte als Messeerfolg erste Exportverträge abschließen, und später gelang es, auch einen amerikanischen Lizenznehmer zu finden. Damit waren Parteiführung und Ministerrat der DDR vom Verfahren überzeugt, die Kritiker und Bremser verstummten", berichtete Dr. Michael Fiedler, Geschäftsführer der Chemnitzer KARL MAYER MALIMO Textilmaschinenfabrik GmbH während des Festtakts zum 100. Geburtstag des Innovators.
Die Serienproduktion von MALIMO-Maschinen begann 1957 im VEB Tüllmaschinenbau Karl-Marx-Stadt, der 1963 in VEB Nähwirkmaschinenbau MALIMO umbenannt wurde.
Die technischen Daten der erste Serienmaschine MALIMO 500: 500 mm Arbeitsbreite, Feinheit 14F, also 14 Nadeln auf 25 mm und eine Drehzahl von 1.300 U/min. Produkte waren Handtücher, Staub- und Poliertücher. „Heute werden Maschinen mit Arbeitsbreiten von 6.150 mm, Feinheiten bis 22F und Drehzahlen bis 2.500 U/min angeboten, " so Dr. Michael Fiedler.
In der folgenden Zeit entstanden auf der Grundlage der Erfindung von Heinrich Mauersberger Maschinen der Typen MALIWATT, MALIVLIES und MALIPOL, die in großen Stückzahlen gebaut und in viele Länder exportiert wurden. Einsatzgebiet war vorerst die Herstellung von Erzeugnissen im Heim- und Haushalttextilienbereich sowie für Bekleidung. Erste Anwendungen für technische Textilien – Träger für PVC-Beschichtungen, Autohimmel- und Isolierstoffe – folgten jedoch bald darauf. Die 1000. Nähwirkmaschine wurde 1972 an den VEB Malitex im nahe gelegenen Hohenstein-Ernstthal ausgeliefert. Bis 1989 betrug hier die jährliche Produktionsmenge rund neun Millionen Quadratmeter Nähgewirke.
Speziell den Wandel der Einsatzgebiete der Nähwirktechnik hob Prof. Dr.-Ing. Holger Erth, MBA, während seiner Festtagsrede hervor. Während noch in den 80-er Jahren Heim- und Haushalttextilien dominierten, begann in den 90-er Jahren, gefördert auch durch die Entwicklung der Multiaxial- und Biaxial-Maschinen, eine rasante Ausrichtung auf technische Anwendungen: Armierungstextilien für Raum- und Luftfahrt, für Automobil- und Schiffsbau, für die Fertigung von Rotorblättern von Windkraftanlagen, Verbundtextilien, Geo- und Bautextilien.
Auch für die MALIWATT- und MALIVLIES-Maschinen wurden Anwendungsgebiete ausgebaut oder neu erschlossen: Beschichtungsträger, Filterstoffe, Decken, Isolationsstoffe, Stoffe für Hygiene, Medizin und Sanitär und Auskleidungen in der Automobilindustrie. Auf den neuen KUNIT und MULTIKNIT-Maschinen werden u. a. textile Polstermaterialien, Unterpolstermaterial für Fahrzeugsitzbezüge und Schallschutzauskleidungen hergestellt.
Entscheidende Voraussetzung für die konsequente Weiterentwicklung der Technik und Erschließung von Anwendungen war die Übernahme der beiden Betriebe Nähwirkmaschinenbau MALIMO und Wirkmaschinenbau Limbach durch KARL MAYER im Jahre 1992. Dr. Michael Fiedler: „Weltmarktfähige Technologien auf der Basis der Erfindungen von Heinrich Mauersberger und weitsichtiges Unternehmertum der KARL MAYER Textilmaschinenfabrik GmbH in Obertshausen bei Frankfurt/Main waren die Grundlage für das lebendige Fortbestehen der Erfindungen Mauersbergers und der Marke MALIMO."
1997 zog das KARL MAYER-Tochterunternehmen von seinem traditionsreichen Chemnitzer Standort an der Annaberger Straße in den Firmenneubau an der Mauersbergerstraße.
Zu diesem Zeitpunkt begann die strategische Neuausrichtung innerhalb der KARL MAYER-Gruppe: KARL MAYER MALIMO wurde zum Kompetenzzentrum für die Entwicklung und Herstellung von Textilmaschinen für die Produktion Technischer Textilien ausgebaut. Die Entscheidung für eine Investition in Chemnitz wurde auch im Hinblick auf die Tradition und das Können der hier ansässigen Fachleute getroffen. Heute ist die KARL MAYER MALIMO Textilmaschinenfabrik GmbH einer der weltweit führenden Hersteller von Maschinen zur Fertigung von Composites.
„Die Nähwirktechnologie hat aus heutiger Sicht ihren festen Platz im Reigen der textilen Flächenbildungsverfahren gefunden, " schätzte Prof. Dr.-Ing. Holger Erth die heutige Bedeutung der Erfindung von Heinrich Mauersberger ein. „Der Wandel hin zu spezialisierten und insbesondere technischen Gütern, die Verschiebung von Produkten aus den Bereichen Bekleidung und Heimtextil hin zu Fahrzeugtechnik, Leichtbau und zu Schutztextilien hat der Nähwirktechnologie einen neuen Auftrieb gegeben."
Eine Entwicklung, die sich im Patentgeschehen widerspiegelt. Dem vor 60 Jahren an Heinrich Mauersberger erteilten Patent folgten allein nach 1990 ca. 65 weitere Patente zu Maschinentechnik und textilen Produkten.
Heute arbeiten in Sachsen und Thüringen etwa 60 große Nähwirkanlagen. Aber auch in Italien, den USA, Norwegen, Belgien, der Türkei, in Tunesien und China, in Frankreich und allen anderen Teilen der Welt bewähren sie sich in der Praxis – ein lebendiges Erbe der Erfindung von Heinrich Mauersberger.